unterwegs mit worten #2
Schönschreiben, Tintenkiller & Trotz
In der Grundschule bekam ich ein „Befriedigend” im Schönschreiben. Nicole, meine Sitznachbarin, schrieb wie eine kleine Elfe: zart, rund, makellos. Meine Mutter war neidisch.
Ich dagegen kratzte, drückte und kippte den Stift, als müsste ich ihn zähmen. Meine Buchstaben waren schief, mal groß, mal klein, viel Schwung, aber keine Proportion.
Vielleicht war ich schon immer auf Krawall gebürstet. Während andere ihre Schreibschrift brav rundeten, benutze ich bis heute das kleine französische r. Weil ich Karl May in einer altdeutschen Ausgabe las, wechselte ich zum Sütterlin-Z, der Dramaqueen unter den Buchstaben. Den Eigensinn habe ich mir erlaubt.
Tintenkiller machten alles nur schlimmer. Statt Fehler zu löschen, verschmierten sie die Schrift noch mehr.
Mein Zeigefinger ist auch heute noch oft blau. Ein stilles Ehrenzeichen meiner Sturheit. Oder meiner Ungeschicklichkeit?
Später, in der siebten Klasse, hob mein Deutschlehrer die Augenbrauen. „Du hast als Einzige hier eine erwachsene Handschrift”, sagte er.
Zum ersten Mal merkte ich: Vielleicht ist mein Gekritzel gar nicht falsch. Es ist einfach meins.
Mein Schreiben beginnt genau da. In den Tintenklecksen. In den falschen Buchstaben. Im Trotz gegen das Schönschreiben.
Was bleibt?
Ein blauer Zeigefinger. Schiefe Buchstaben. Und der Moment, in dem ein Lehrer sagte: “Erwachsene Handschrift!”

