unterwegs mit worten #3
SCHREIBORTE. SCHREIBZEITEN. SCHREIBBÜCHER.
Mein erstes Tagebuch war kein Moleskine, keine Designikone.
Es war eine dieser dunkelblauen China-Kladden. A5, liniert, gelbliches Billigpapier. Aber mein erstes Tagebuch.
Diese Tagebuchphase gehörte zu meiner Pubertät.
Der Ort für all das, was nirgendwo anders hinpasste:
Liebeskummer und Wut.
Sehnsucht. Fragen ohne Adressaten.
Ungefilterte Gedanken. Alles rein.
Später, im Studium? Keine Ahnung, ob ich da geschrieben habe. Wahrscheinlich phasenweise. Mal viel, mal gar nicht.
Ich war in Frankreich. Und bei fnac.
Dort entdeckte ich Clairefontaine: diese zarten Hefte in Pastellfarben, mit herrlich glattem Papier.
Ich habe sie alle gekauft. Papier, das einen zwingt, schöner zu schreiben.
Dann kam Moleskine. Schwarz, schlicht. Edel. Die Hemingway-Legende mit Gummiband, Inhaltsverzeichnis und nummerierten Seiten.
Später wechselte ich zu LEUCHTTURM1917: großzügiger, weicher, punktkariert. Mehr Farbe.
Und dann kam dieses eine Seminar, 2006 oder 2007.
„Führen Sie ein Logbuch”, sagte ein Trainer namens Ingo.
Ich tat’s. Kein Tagebuch im klassischen Sinn. Digital. In schlichtem Wordformat. Eher eine Art Reflexionsprotokoll, beruflich und persönlich alles durcheinander. Ich weiß nicht, ob ich die Datei noch habe. Vielleicht ist das auch gut so. Beim Wiederlesen könnte es peinlich werden, wie ernst ich mich manchmal selbst nahm.
Das digitale Schreiben blieb. Nur das Format wechselte.
Zur nächsten Stufe: die Evil Watch.
Eigentlich die Apple Watch. Aber beim Diktieren dieses Textes wurde daraus ein Verhörer: aus dem Apfel wurde das Böse.
Da gab’s schon mal Apfel, Eva und das Paradies.
Diese böse, kluge Uhr hat mir das Notieren abgenommen. Und damit das Bedürfnis, selbst mitzuschreiben. Inzwischen zählt sie weiter meine Schritte und meinen Sport und ich reflektiere und schreibe wieder selbst.
Irgendwann flirtete ich mit dem „6-Minuten-Tagebuch”. Ein netter Gedanke. Ja, ich habe es länger als sechs Minuten ausgehalten. Drei Monate etwa. Dann klappte ich es endgültig zu.
Es war zu viel „Ich bin dankbar für …” und zu wenig echtes Denken.
Aber daraus entstand etwas Eigenes. Ich habe mir echte Impulsfragen geschrieben. Die teile ich auch auf der Zeitinsel hier bei Substack. Mein Format, nachdem ich Instagram 2025 beerdigt habe.
Seit 2018 führe ich mit meinem Mann ein Paar-Tagebuch. Ein Band umfasst immer drei Jahre. Es ist schlicht aufgebaut: für jeden von uns eine Frage pro Tag, drei Antwortzeilen für jedes Jahr.
So lesen wir uns mit der Zeit: wie wir denken, was sich ändert und was bleibt.
Ein Dialog in Jahresringen. Es hat fast etwas „paratherapeutisches” – ich meine natürlich die Paartherapie, aber “paratherapeutisch” war wieder so ein Verhörer beim Diktat und fühlt sich klug an.
Ich nutze diese Fragen, um Dampf abzulassen. Oder um Gedichte zu schreiben. Oft sind sie einfach Chronik.
Und mein Mann?
Er antwortet in seiner unverwechselbaren Charakterschrift, viel wilder als meine. Mit einem einzigen Satz schafft er es, Dinge so erbarmungslos trocken auf den Punkt zu bringen, dass ich innerlich den Hut ziehe.
Nicht immer freundlich, oft schmerzhaft wahr.
Und genau deshalb: wertvoll.
Mein letztes Tagebuch war ein klassischer Fehlkauf. Ich war spät dran, hab schnell bestellt: die Farbe passte, ja, Punktraster, ja, 1-Click, zack. Hatte mich noch gewundert, dass es ein bisschen teurer war.
Ein paar Tage später packte ich es aus und sehe:
A4.
Ein riesiges Teil.
In Salbeigrün.
XXL-Schreibfläche statt A5.
Erster Reflex: zurückschicken?
Und dann kam der Gedanke: Das ist ein Wink des Schicksals.
Ich soll jetzt GROSS schreiben.
Und das tue ich. Jeden Tag.
Ich schreibe also weiter. Mein 2026er Tagebuch ist ein Geschenk. A4, pompös, Ledereinband. Unliniert. Ich ziehe Hilfslinien mit Bleistift vor. Mein Mann lacht. Und ich denke mehr, bevor ich das erste Wort schreibe.
Manchmal reicht ein anderes Format und das Schreiben nimmt sich den Platz, den es braucht.
Was bleibt?
Eine China-Kladde.
Eine Evil Watch.
Ein A4-Fehlkauf in Salbeigrün.
Und die unbändige Lust am Wort.


Lustig mein Werdegang klingt ziemlich ähnlich . War verliebt in Moleskine, paper box usw. Aber manuelles Schreiben liegt mir mehr , mit Füllfeder. Da gleitet es dahin , dass es schöner nicht sein kann. Salbeigruen- wäre eine neue Erfahrung 😆
Momentan lieb ich den Reclam Literaturkalender , viel Platz für Notizen
Toller Artikel !